Von Hamburg nach Santiago de Compostela - eine Kreuzfahrt / Tag 2 - Auf See

    Was kam man an einem Tag auf See in und auf einer schwimmenden Stadt machen. 3000 Menschen treten sich auf die Füße. Mit dem auf die Füße treten ist das bei weitem nicht so, es gibt durchaus genug Stellen, wo gar keine Füße zu sehen sind. Morgens um 6:00 ist noch Ruhe auf dem Schiff, die Säle und das Oberdeck sind gähnend leer. Nur vereinzelt trauen sich Leute raus und stecken die Nase in die frische Luft. Ab 10:00 Uhr tobt dann auf dem Sonnendeck das Leben und die wogenden Leiber sind dicht an dicht auf Liegen gedrängt. Man ist unter sich, manche außer sich, andere neben sich, die meisten sonnen sich oder nuckeln an undefinierbaren Drinks. Die Barkeeper haben alle Hände voll zu tun und ab und zu wird es richtig laut durch jugendliche Mädchen, die von irgendeinem Kerl mit Wasser vollgespritzt werden. Diese Zeit habe ich lange hinter mir und den Laptop vor mir. Das wird mein Tag auf See. Ich schreibe über den Tag und ge-nieße ab und zu einen Zombie oder Mojito (sprich Mochito mit hartem ch wie bei Ach). Interessant sind die Menschen, die mehr oder weniger schnell an meinem Tisch vorbeilaufen, mal in quälender Langsamkeit, mal in Hast, aber immer in Bewegung. Das Schiff fährt ruhig mit 18 Knoten und am Horizont flimmern Schiffe und Bohrinseln vorbei. Ich lasse die Gedanken baumeln.

So eine Reise hat ihren Preis und selbst das Schnäppchen zum halben Preis täuscht nicht über die Kosten hinweg, die weiter entstehen. Parkplatz 55,- € und die Abzocke von Trinkgeldern, die schon etwas an Piraterie erinnert. 10,- € pro Tag und Gast verschwinden auf Nimmerwiedersehen vom Kreditkartenkonto. Ohne Getränkepaket ist man aufge-schmissen oder man hat eine Gelddruckerei mit sich. Jeder Drink kostet ab 6,- €, auch die alkoholfreien für Kinder, ein Bier 5,50 € und Schnäpse gehen an diesem Preis erst mal los. Entweder man kauft ein „Inclusive Paket“ für zwei Personen für 500,- € oder kleinere Pakete, so 14 Bier für 59,- €. Ein Kaffee Latte kippt man sich für 2,50 € hinter die Binde. Freilich Tee und Wasser gibt es aus Behältern umsonst. Eingeschlafe-ne Füße gibt es eben auch an einem Tag auf See.

Das Schiff strotzt nur so von Sonderangeboten. Besondern die täglich unter die Tür durchgeschobenen Daily Programme überbieten sich in der Prozentschlacht. Komisch nur, dass man die durchgestrichenen Originalpreise nie zu Gesicht bekommt. Ständig wird in den Gängen etwas verkauft. Die Tasche von Dior für die Dame? Eine Frau im viel zu engen Kleid tut interessiert und wendet eine Dalmatinertasche unschlüssig in den Händen. Die Verkäuferin erklärt ihr angestrengt irgendwas, bestimmt so etwas wie: „Wenn Sie ihre Dalmati-nerwelpen hinein setzen, ergibt das einen wunderschönen Akzent und die Tasche wird lebendig.“ Die Dame nimmt Abstand von der Tasche. Entweder hat sie keine Dalmatiner o-der findet die Vorstellung doch zu gruselig. Ich interessiere mich für Uhren und sehe ein Schnäppchen mit 40% Rabatt. Klasse.

Beim Anblick des runtergesetzten Preises nehme ich an der Bar Platz und hole mir einen Whiskey „With two Ice cubes“. Der bleibt mir wenigstens mit 5,50 € nicht im Halse stecken. Hingegen ist mir der Preis für die 40-Prozent-Rabatt-Uhr doch etwas zu heftig. Später bin ich im MSC-Logo Shop. Da gibt es alles, was das MSC Herz begehrt, und später die Wohnung einstaubt.

Meine Frau erklärt mir, der heutige Abend beim Essen soll in der Garderobe „Elegant“ erfolgen. Ich überlege einen kleinen Moment, mir etwas Tolles zum Anziehen für diesen Abend in MSC-Logo Shop einzukaufen. Doch die Vorstellung, dass ich mit MSC Kapitänsmütze und MSC T-Shirt zwischen Schlips-träger und gebügelten Hemden auftauche, gruselt meine Frau derart, dass sie überlegt, wer von uns beiden lieber zu-rück-rudern sollte. Ich befürchte den Auserwählten schon zu kennen und führe sie taktvoll zu den Swarowskisteinen, die sie anerkennend quittiert, aber die Preise lieber in entgange-ne Drinks umrechnet. Damit ist das rabattierende Shopping-erlebnis vorerst beendet.

Die Service Kräfte sind international. Da ist der Treppenge-länderputzer, den ich morgens am Treppengeländer Etage 13 treffe, nachmittags am Treppengeländer Etage 5 und abends dann wieder in der 13. begegne. Eine schöne Arbeit. Überall, wo man sich hinsetzt, kommt nach ein paar Minuten eine weiß-befrackte Servicekraft, fragt nach einem Drink und we-he man trinkt zu schnell, dann steht der Kerl freundlich lächelnd wieder vor einem. Manchmal ist es auch eine Dame aus den Philippinen. Hier den großdeutschen Macker heraus-zulassen, würde zur vollkommenden Einsamkeit führen. Es gibt auch Frauen mit Burga, aber sie ordnen sich wie alle an-deren unter und fallen somit nicht auf, in diesem bunten Gewimmel.

Ein Übersichtsplan des Schiffes ist überall vorhanden. Es hin-dert aber keinen daran, sich ordentlich zu verlaufen. Ich ken-ne meinen Weg zur Kabine genau, nur blöderweise, scheinen sie meine Kabine ständig woanders hin zu schieben. Ich rich-te mich nach meiner Frau, sofern sie in der Nähe ist. Ist sie plötzlich verschwunden, wird es Zeit umzudrehen, um bald darauf vor ihr und unserer Tür zu stehen. Das blöde Grinsen ignoriere ich schlicht. Kann ja mal passieren. Jeden Tag wie-der. Notfalls pfeift mich auch der Servicestuart zurück. Mein Bauch hat es ihm angetan. Ich erzähle etwas von der Geburt eines Elefanten und er hat den Witz des Tages entdeckt. Ich muss ernsthaft abnehmen. Ist keiner von beiden da, bemerke ich meinen Irrtum spätestens, nachdem ich wieder am Aus-gangspunkt stehe.

Ein bisschen nervig ist, ein stilles Örtchen zu suchen. Irgend-wann hat die geduldigste Blase genug und dann beginnt das Abenteuer. Ich verabschiede mich vorsichtshalber von mei-ner Frau für eine Weile und höre ihren Zuruf nicht mehr. Also bis zum nächsten Fahrstuhl und die dortige Servicekraft gefragt. „Upstairs“, sagt der Stewart freundlich. Also Gut, ich fe-ge eine Treppe rauf, dort treffe ich ganz viel Menschen, aber keine Toilette. Dafür kenne ich nach weiteren gefühlten 20 Minuten, die gesamte Etage. Die Toiletten sind aber scheinbar hier nicht vorhanden. Ich frage jemanden, der mich zum gewünschten Ort geleitet, Gott sei Dank nur bis zur Tür. Verdammt höchste Zeit. Danach geht es zurück, quer durchs ganze Schiff, eine Treppe runter. Ich biege um die Ecke, sehe schon meine Frau, die inzwischen ihren Drink geleert hat und stutze. Ich stehe, man soll es nicht glauben, neben einer Toilettentür, 10 m von meinem Platz entfernt. Ich sag es ja, die verschieben die Räume. Als ich losging rief mir meine Frau übrigens zu, dass die Toilette gleich um die Ecke sei.

Ansonsten ist heute Faulenzertag. Die Sonne scheint, die Drinks kommen. Das Essen kommt, danach ein Schläfchen, sofern die nicht wieder die verdammten Zimmer verschieben.

(Wer Lust hat weiterzulesen und auch die anderen 8 Tage kennenzulernen, der lese hier die ganze Geschichte weiter...)
1
1
1
1
1
1
1
1
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
1 Kommentar
14.638
Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 07.08.2018 | 08:48   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.